She’s my ex

Ich erinnere mich noch sehr genau. Als sich der krabbenfischer und ich damals kennenlernten, bahnte sich eine großartige Freundschaft an.

Wie sich sowas heute abspielt, weiß ich nicht. Wahrscheinlich zeigt man sich sein Smartphone und seine App-Sammlung oder so. Oder man “liked” sich eben. Oder man folgt sich auf Twitter. Das ist für mich alternden Sack eher so meh.

Damals spielte man sich erst einmal stundenlang gegenseitig die Plattensammlung vor. Dieses Vorspielen war ein Ritual mit unzähligen, winzigen Details, deren Berücksichtigung oft über abgrundtiefen Hass oder lebenslange Liebe entschied. Ultimativ bestimmend war die Songauswahl, die in einem mehrstündigen Spannungsbogen orchestriert werden musste.

Da es sich aber um eine oft geübte Tätigkeit handelte und nichts so gut bekannt war wie der Plattenschrank, war dies eher eine leichte Kiste. Viel wichtiger war es, dem unbekannten Charakter des Gegenübers ein Genremix aus Highlights zu choreografieren. Man musste sich praktisch mit einigen vinylen Bauernopfern, die definitiv nicht aus der Lieblingsecke stammten, langsam die Vorlieben seines Gastes erspielen, um sich dann später mit einem Feuerwerk der Musikgeschichte Zuneigung und Respekt zu sichern.

Während dieses Wettbewerbs gab es unzählige Nebenquests: Elegant wurden die Scheiben einhändig aus den weißen Hüllen gezogen, das Auflegen und die begleitenden Worte durften nur solange dauern, dass die Kippe auf dem Zahn nicht die Asche verlor. Wichtig war auch das nahezu beiläufige Aufsetzen der Nadel an exakt der richtigen Stelle. Nicht im Auslaufen des Vorsongs, nicht in den ersten Takten des Stücks.

Nach dem erfolgreichen Anspielen wurde die (unfassbar wichtige) Hülle mit dem unglaublichen Artwork/Foto/Songtext in einer großzügigen Geste dem Gaste zur Verfügung gestellt. Kurz schilderte man eine Szene aus dem besuchten Konzert (wenn möglich).

Ein solches Ritual konnte sich mehrere Tage hinziehen. Über die Zeit stellte sich heraus, ob man zusammen passte oder nicht. Alleine die Tatsache, ob man sich auf so ein Ritual einließ, erhöhte die Chancen allerdings schon enorm.

Wie auch immer, zurück zum Thema: Als der krabbenfischer und ich uns kennenlernten, hatte er sich gerade aus irgendwelchen oder bestimmten Gründen die Haare abschneiden lassen. Die bestimmenden Titel waren Hüsker Düs “Too far down” und Alls “She’s my ex“. Das Leben war brilliant, bunt und aromatisch und diese Songs waren sooo cool, dass man sie heute sogar in Deutschland ohne GEMA-Block hören darf. Ich liebe sie.

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