Bücher

Das Schlimme an Büchern ist: Sie sind zu kurz.Vielleicht liegt es daran, dass ich die Reife noch nicht erreicht habe, die benötigt wird, um eine der Qualität des Werkes angemessene Geschwindigkeit zu finden, in der die Augen über die meist serifenbehafteten Zeichen wandern müssen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich schon in jungen Jahren die großen Werke der Schreibkunst verschlang – DumasGraf steckte beispielsweise in einem hochgeklappten Lateinbuch. Ich saß in der letzten Reihe und es war dennoch ein schwieriges Stück Arbeit bei der opulenten Dicke des Schriftstückes, doch dem Lehrer fiel es nicht auf (er bemerkte das erst bei der Benotung meiner Arbeiten). Goethe begleitete mich auf Klassenfahrten und nahezu jedes andere Buch aus der Bibliothek meiner Eltern oder meines Grossvaters hatte bisweilen die warme Umarmung meiner Hände und meines Kopfkissens gespürt. Le Carré, die Mythologie, Moby Dick oder Hemingway, so ziemlich jedes Buch, das mir in die Finger kam, wurde schnell genossen – und liess mich nach dem Schliessen des Einbandes immer mehr und immer öfter mit einem leeren Gefühl zurück.Mit dem Studium kam das Ende, neben einem zeitweiligen Stöbern in literarisch fragwürdiger Lektüre – Howards Conan oder der Shadowrun-Reihe, untersagte ich mir den Zugang zur Belletristik. Die alte Liebe brannte oft kurz und heftig noch ein paar Mal auf, Messners Erzählungen und Biographien bekannter Persönlichkeiten waren zeitweilig genauso attraktiv, wie auch Donna Leons Brunetti, aber zu krabbenfischers kontinuierlichem Lesegenuss (so mein Eindruck) gelang ich nie mehr. Stattdessen versteifte ich mich auf Fakten: Programmiersprachen, Wirtschaft. Dröge Zeilen, oft unterbrochen von Einschüben – keine Spannungsbögen. Bis heute bin ich gut damit klargekommen.Ich mag auch keine Hörbücher. Was ist schlimmer, als in dem über Jahre autodidaktisch entwickelten Takt der Rezeption künstlich verlangsamt zu werden? Bücher auf Valium? Da können Stimmen noch so gut, Geschichten noch so toll inszeniert sein, ich finde einfach keinen Zugang dazu.Bis letzte Woche.Ich hatte am Samstag einige Erledigungen zu machen und es lief auf WDR5 eine Inszenierung mit dem schwergewichtigen Titel “Im Namen der Macht“, nach dem gleichnamigen Buch von Stephen Horn. Ich musste oft aus dem Wagen raus, wieder rein, nächster Ort, und das Radio plärrte fröhlich eine Kriminalgeschichte an meinem Ohr vorbei. Ein Polit-Thriller, USA, Wahlkampf, FBI. Ermittlungen waren schwierig und unter dem Druck der einflußreichen Beteiligten nahezu unmöglich. Leichte Kost, aber ein hervorragender Plot, Charaktere wie direkt vom Beifahrersitz, ich behaupte, effektiv habe ich ca. 6 Minuten des mehrstündigen Epos mitbekommen.Das hat gereicht.Ein paar Tage später. Amazon ist ein sehr dankbarer Buchladen. Ein paar Worte in einem Textfeld und schon hat man die Vielseiter im Briefkasten. Ich weiss auch nicht, was mich getrieben hat, im Grunde genommen waren es nur die kurzen Passagen im Radio, die mich fesselten. Jedenfalls war heute ein warmer Sommerabend, der Pip im Bett und das Rinchen am faulenzen – und der Olli las.Ich spüre, dass ich gerade mit einem leeren Gefühl zurückgelassen werde. Aber dennoch: ein gemäßigter Fight Club im Wahlkampf-gebeutelten Amerika, Wendungen schlimmer als am Stilfser Joch und ein durchaus angemessenes Ende.Ich sollte wieder öfter mal was lesen.

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4 Antworten auf Bücher

  1. Boris sagt:

    Lesen kann ich nur empfehlen. Tue ich inzwischen auch wieder sehr intensiv. Und je dicker die Wälzer, desto… naja, nicht unbedingt. Aber oft sind es schon die umfangreichen Bücher, die fesseln.Hörbücher gehen gar nicht an mich. Vorgelesener Text transportiert mir schon zuviel der Fantasie und Vorstellung des Vorlesenden.

  2. Dave sagt:

    Das einzige Hörbuch was ich in meinem ganzen Leben jemals gehört habe war letztens erst: “Ralf Richter liest Mötley Crüe – The Dirt”An sich fantastisch. Besonders im Stau auf der A3. Oder auch im Stau auf der A1. Da vergisst man manchmal glatt dass es derzeit ca. 46 Grad in meinem Golf II sind.Davon abgesehen kann ich empfehlen “Ich bin dann mal weg” von Hans-Peter Kerkeling ;-)Dave

  3. Pingback: retoeugster.ch/blog » Blog Archive » Ferienlesezeit

  4. Richter sagt:

    Die Neuerscheinung auf dem buchmarktDER ZEITGEIST wird auf der Überholspur defloriert.Unbedingt lesen!!!!Alexander WallHotel MonopolRomanDie Kneipe wird hier zum Mikrokosmos der Welt. Bevölkert von skurrilen Gestalten und einem Besitzer, dessen Improvisation alle Fäden zusammenhält.Ein Café in einer norddeutschen Großstadt. Doch es handelt sich nicht um ein gewöhnliches Café, in dem Schüler vormittags ihre Stunden schwänzen. Inmitten des Rotlichtmilieus gelegen, zieht es all die enthemmten, verrückten und manchmal auch gefährlichen Gestalten aus der Nachbarschaft an. Sie greifen in das Leben des Betreibers ein, als ob es ihr eigenes wäre.Der Café-Alltag wird bestimmt von ersten Gehversuchen organisationsunfähiger Köche, spontanen 1950er-Jahre-Musikveranstaltungen unterm Lampenschirm, kleinen und größeren Betrügereien und natürlich einer unglücklichen Liebe. Caspar, der Besitzer und Erzähler, begegnet dem mit viel Alkohol, gelegentlich anderen Drogen, einer ordentlichen Portion Schnodderigkeit und gelassener Nachsicht. Walls Roman erzählt von Gescheiterten und Gestrandeten, die gelernt haben, die Widrigkeiten des Lebens selbst dann noch zu meistern, wenn ihre Lage aussichtslos erscheint.»Hotel Monopol« ist direkter als andere Kneipenromane und häufig so schmutzig wie seine Umgebung. Mal witzig, mal erotisch, aber immer überraschend verlaufen die großen und kleinen Geschichten, die Alexander Wall zu einem großen, nicht mehr ganz fleckenlosen Teppich verwebt. Ein bemerkenswertes Debüt.Die Presse”Ganz leichten Fußes führt Alexander Wall den Leser durch sein wohlig müffelndes und erschreckend lebendiges Panoptikum, in dem wenig Platz für Großzügigkeit und lange Kreditlinien bleibt: Abrechnungstag ist hier täglich.”(Welt am Sonntag, 1.10.2006)

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