Tagging ist nun nicht mehr ganz neu. Im Rahmen von Applikationen (Stichwort: Web 2.0) bietet Tagging die Möglichkeit einer Kategorisierung von Informationen, die in unterschiedlichen Formen oder Formaten vorliegen. Ausserdem ist Tagging sicherlich ein Bruch zu vorherigen Ansätzen. Warum ist das nun besonders? Welche Schlußfolgerungen ergeben sich daraus? In Ermangelung von Informationen im Netz habe ich beschlossen, selbst ein paar Betrachtungen niederzuschreiben.Was ist tagging?Richtig bekannt geworden ist tagging im Umfeld der Applikationen flickr, einer Online-Bilderverwaltung und del.icio.us, einem Bookmarkdienst, aber auch Gmail, dem Google Mailservice. Dort werden sogenannte tags (engl.: Anhänger, Etikett, Auszeichnung) verwendet, um abgelegte Informationen oder Bilder zu kategorisieren. Tags sind dabei Worte, die den Zusammenhang zur Information asoziieren. Ein kleines Beispiel: Ein Bild eines Sonnenuntergangs könnte getaggt werden mit “schön”, “sonnenuntergang”, aber auch mit einer Ortsbezeichnung “spanien” oder mit “urlaub”. Aus den gewählten tags ergibt sich eine Zusammenhangsdefinition, eine Kategorisierung. In das Deutsche könnte man tagging bestenfalls mit Verschlagwortung übersetzen.Warum ist tagging so einfach?Eine Kategorisierung durch tags ist eine kognitive Meisterleistung, als auch eine “Abkürzung” des Gedankenprozesses. Die Psychologin Rashmi Sinha hat sich in ihrem Artikel A cognitive analysis of tagging ausführlich Gedanken zur kognitiven Leistung beim taggen gemacht. Sie kommt nach grundlegender Betrachtung zu dem Schluss, daß der Erfolg des tagging zurückzuführen ist auf die Vereinfachung des kognitiven Prozess der Kategorisierung, so wie wir ihn täglich unzählige Male ausführen.Dem kann ich nur zustimmen: Seit Jahren, sogar seit Jahrzehnten lebt die Computer-benutzende Menschheit mit einer hierarchischen Informationsablage, die einem verästelten Baum ähnelt: Man ordnet Informationen einem Eltern-Element zu, unter dem man in Zukunft diese Informationen findet. Das bedeutet, ich muss alle möglichen Eltern-Elemente, die mir zu einer Information einfallen, auf genau eines reduzieren. Daraus ergeben sich problematische Zustände:
- Das notwendige Eltern-Element ist nicht vorhanden oder nicht spezifisch genug, ich muss Kind-Kategorien schaffen, die wiederum die Kategorie des Eltern-Elementes erben
- Meine Priorisierung der Kategorie, also die Wahl eines Eltern-Elementes zur Information, muss von anderen nachvollzogen werden können, sobald mehrere Leute mit der Hierarchie arbeiten
Die daraus entstehenden Probleme hat jeder bereits am eigenen Leib erfahren: Wer ist noch nicht stundenlang durch fremde (oder auch eigene ;) Intranets und Verzeichnisse gestöbert, auf der Suche nach dem einen Dokument?Tagging hingegen umgeht nun die Priorisierung und die Auswahl des einen Eltern-Elementes. Man könnte vermuten, der Prozess des Taggings brauche mehr Zeit, da man die verschiedenen Asoziationsbegriffe finden und niederschreiben muss, dem ist aber nicht so, denn a) gehen mir diese Begriffe auch bei der “klassischen” Kategorisierung durch den Kopf und b) lassen sich beim Aufbau eines Interfaces für das Tagging Hilfen einbauen, die das tagging massiv vereinfachen.Um mit Rashmi Sinha abzuschliessen:
To conclude, the beauty of tagging is that it taps into an existing cognitive process without adding add much cognitive cost.
Also ist der Vorteil des taggings, dass es einen bereits vorhandenen und millionenfach ausgeführten Prozess verwendet und diesen zusätzlich vereinfacht. Dabei erweitert sich der Denkprozess sogar noch. Aus der vormaligen einfachen Zuordnung zu einer Kategorie (“wo passt das hin?”) wird ein erweitertes “Wo finde ich es wahrscheinlich wieder?”. Dabei bringt der Vorgang des taggen nun einen Bewusstseinswechsel mit sich, der – so behaupte ich – weit unterschätzt wird und uns noch lange, lange beschäftigen wird: Der Wechsel von Hierarchie zu Relevanz. War es zuletzt noch entscheidend, welches Objekt unter welchem anderen Objekt lag, so ist nun zu fragen, welches Objekt ich mit welchem Objekt in Verbindung bringe.tagging im echten LebenViele Benutzer werden tagging noch lange nicht annehmen oder verinnerlichen können, da die hierarchische Verästelung ein festes Prinzip ihres Gedankenmodells geworden ist. Dazu haben sogenannte Explorer (nur als Beispiel: Der Windows-Explorer) sicherlich beigetragen – grundsätzlich handelt es sich nur um das Problem der Visualisierung von Abhängigkeiten, welches in Aktenschränken schon seit hunderten von Jahren existiert: Ein Dokument gehört in einen Ordner.Witzigerweise gehört die Verschlagwortung von Dokumenten z. B. schon seit Ewigkeiten zu Fähigkeiten von Microsoft Office. Im Eigenschaften-Dialog der unterschiedlichen Dokumente findet man das Feld “Schlüsselwörter”, dessen Inhalt frei definierbar ist und welcher bei einer Suche im Windows Explorer relevant verwendet wird – diese Funktion ist nur nie im Fokus des Benutzers gewesen, so, wie es z. B. beim nun schon oft erwähnten delicious der Fall ist.Tagging bezeichne ich selbst als intuitiver, leichter und schneller, ich tagge nach knapp einem Jahr flickr und delicious fast nebensächlich, zumal ich im Falle von delicious durch die Applikation unterstützt werde. Die Perspektive des taggen ist und bleibt – wie immer – subjektiv, aber bedeutungsvoll. Während man zwei unterschiedliche Baumstrukturen kaum in Zusammenhang bringen konnte, selbst wenn beide dasselbe Thema abzudecken versuchten, so sieht das bei Listen von tags ganz anders aus.Damit nähern wir uns einer sozialen Komponente, der sich Amazon schon fast seit Beginn seiner Existenz bedient: Die Darstellung von Empfehlungen im Zusammenspiel mit Relevanz, die der Benutzer selbst durch seine Handlungen (hier: tagging, bei Amazon: Produkterwerb) priorisiert hat. Kommen nämlich die tags verschiedener Benutzer zusammen, können schnell Relevanzen für beide visualisiert werden.Okay, und was jetzt?Tagging wird an Wichtigkeit für die Ablage und das Wiederauffinden von Informationen zunehmen, Anzeichen davon findet man beinahe in jeder Applikation, die das Licht der Welt erblickt. Vielleicht heißt die Verschlagwortung nicht tag sondern label oder flag, aber das Prinzip ist dasselbe: Asoziation.Um tagging aber nun dem gemeinen Volk zur Verfügung zu stellen, ergeben sich bestimmte Anforderungen an die Benutzerführung. Es gibt zwei Alternativen:
- Flickr-Modell
- Ich zeige dem Benutzer ein leeres Eingabefeld und überlasse die Tags seiner Intuition
- Delicious-Modell
- Ich helfe dem Benutzer bei der Auswahl der tags, in dem ich ihm seine und die Tags von anderen suggeriere (s. Bild unten)

Delicious hilft beim taggenDie Visualisierung eines solchen Hilfs-Systems ist zuweilen schwierig und ohne die Ausnutzung des DOM und Javascript kaum machbar. Um eine Abdeckung der Relevanz für andere Benutzer zu bewerkstelligen, ist eine solche Funktion allerdings notwendig – nur hat man die Chance, die verwendeten tags in halbwegs geregelte Bahnen zu lenken – wenn man das will.Anwendungen und weitere ÜberlegungenJetzt nähern wir uns auch dem Einsatz von tags in Anwendungen. Ich sehe Intranets als das erste Opfer von tags – Relevanzen und Themenbezüge spielen hier eine große Rolle. Doch auch die klassische Baum-Navigation vieler Webseiten könnte bald (wie in Blogs schon praktiziert) einer tagcloud zum Opfer fallen. Entscheidend wird hier die Umsetzung der Designer der Oberfläche und deren Dynamik sein. Während an der Funktion selbst kaum zu rütteln ist (n objekte : m tags), wird die Einbindung in eine Applikation eine wichtige Rolle spielen.Das Thema tags…
- findet auch auf wikipedia.org/wiki/Tag_(Soziale_Software) Berücksichtigung
- wird in Christian Jungs Artikel Thinking about design patterns for tagging betrachtet, der den Anstoss für meinen Beitrag brachte (vielen Dank an Björn für den Link!)
- wird in diesem 8-seitigen PDF-Dokument The Structure of Collaborative Tagging Systems von HP sehr detailliert durchleuchtet (Lesepflicht!)
- kann auf schoenerbrausen.de/?=tagging prima verfolgt werden
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hut ab und danke.
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Sehr gelungener Artikel. Chapeau! :)Nach meinen Überlegungen und Erfahrungen kommt beim Schreiben über soziales Taggen (also dem einer Bereitstellen auch für andere Anwender) ein Aspekt ein wenig zu kurz. Ich nenne es mal den Überraschungseffekt. Ich kann einerseits versuchen, einen Begriff so nah wie möglich an ein irgendwie funktionierendes “allgemeines” Schlagwortsystem einzubinden. Das tolle bei Flickr oder del.icio.us ist jedoch, wenn ich wie im Beispiel “schön” mit angebe, ich überrascht sein werde, was da alles kommt. Taggen bietet neben einer “offiziellen” Zugänglichkeit (weil Übereinkunt) horizontalen Kategorisierens auch dieses “inoffizielle” Stichwort-Verschenken – das in einer klassisch hierarchischen Baumstruktur nicht mal im Ansatz möglich wäre. Von den Vorteilen der parallelen Vergabewelten muss man ja gar nicht mehr sprechen.Salute!
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Tagging ist klasse! Viel einfacher und einleuchtender als alle diese hirarchischen Systeme! Zuviele Hierarchienen sind nicht nur auf dem Computer oder im Internet, sondern auch in der Gesellschaft unübersichtlich!!!
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gut das tagging so einfach ist. ich habs jetz auch kapiert.
Nun wirds zum Volksport, oder? hab es auch verstanden, glaube ich. Martin
Die Tagging Seiten haben halt die ehemaligen Webkataloge abgelöst…
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So oder so .. Tagging ist für Google und vermutlich auch andere Suchmaschinen wichtig und bei der Bildersuche findet es auch Verwendung, bzw. die Suchmaschinen haben keine grossen Möglichkeiten die Bildinhalte zu erkennen und automatisch zu sortieren sondern stützen sich auf die Tags und auf die Bildnamen.
Mit etwas Abstand lässt sich nun sagen, dass sich das Taggen wohl etabliert hat. Auch auf Benutzerseite ist es ja wohl etabliert.
Ein sehr guter Artikel zum Thema Taggen.Hat mir die Angelegenheit noch verständlicher gemacht…Danke dafür