Fragile

Wie ich an mancher Stelle in meinem Freundeskreis bereits bekannt gegeben habe, werde ich jetzt audiophil. Dazu gehört für mich, dass ich nicht nur gute Musik höre, sondern auch noch gute Musik gut hören will. Das bedeutet nichts anderes, als dass ich alsbald möglich in unserem neuen Heim die alte Wohnzimmerbeschallung durch eine neue, bessere auszutauschen gedenke.Warum der ganze Aufwand? Nun, da muss ich lange, lange ausholen.Im zarten Alter von ca. 13-15 Jahren war ich auf der Suche nach Musik. Live Aid und die ganze NDW-Elektro-Suppe konnten mir nur bedingt geben, was ich brauchte. Für Metal mit Texten über Zombies, die dich holen kommen und Teufel, die es gilt, anzubeten, fühlte ich mich gedanklich noch nicht reif genug. Punk war auf Parties ok, aber alleine zu Hause: Nö, naja, vielleicht manchmal zu typischen “gebrochene Herzen”- und “Mann, hab’ ich Wut im Bauch”-Zeiten. Die vergangenen 70er waren vergangen, so war ich stetig auf der Suche nach was Abgefahrenem, zusätzlich: es durfte natürlich von keinem oder möglichst wenigen anderen ebenfalls gehört werden und es sollte handgemacht, kompliziert sein.Da mein Onkel eine (für mich) umfangreiche Vinyl-Sammlung besaß, waren dort stattfindende familiäre Feierlichkeiten wie Geburtstage immer ein Quell’ der Freude, saß ich doch den langen Kaffee und Kuchen-Nachmittag vor dem Schrank/Regal und durchstöberte diese gefühlsechten Papphüllen, die schwer und bedeutungsvoll in der Hand lagen. Ungefähr zur selben Zeit konnte ich mir (neben dem obligatorischen Commodore 64) eine kleine Anlage, bestehend aus Verstärker, Plattenspieler und einem Tapedeck leisten. So kam ich zunächst zu den frühen Genesis. Wohlgemerkt: Phil Collins hatte zwar mit Face Value ein erfolgreiches Pop-Soloalbum, war mir aber prinzipiell unbekannt. Peter Gabriel komplett mit umgekehrtem Irokesenschnitt, war mein Held. Die Scheibe Nursery Crime wurde der stetige Begleiter meiner Nachmittage.Nach einiger Zeit und ein paar Platten mehr in meinem Schränkchen – allesamt erworben im legendären ZackZack in Remscheid (gibt’s schon lange nicht mehr, darum kein Link), war ich reif für den richtigen Stoff. An einem der besagten Geburtstage legte ich meine suchenden Finger unwissend auf ein dunkelblaues Cover mit komischen Planeten und einem Fluggerät. Der geschwungene, fast jugendstil-artig anmutende Schriftzug vermittelte, um was es ging: Konzeptalbum, 18-Minuten-Songs, Hörgenuß.”Darf ich mir die mal leihen?”Die Antwort habe ich nicht mehr im Kopf, aber es war bestimmt sowas wie “Klar, wenn Du meinst, Du weisst, was Du tust?”, oder “Klar, aber das ist etwas anspruchsvoller”. Nach leckeren Pommes oder Spaghetti für uns Kinder ging’s nach Hause. Seit diesem Abend war diese Scheibe wie verhext mit meinem Plattenspieler verschweisst. Ich konnte und wollte nichts mehr anderes hören, stetig drang die notorisch hochlagige, dünne Kopfstimme, die virtuose Gitarre und die zeitweise brüllende Leslie von Herrn Wakeman aus den alten Regal-Lautsprechern meiner Eltern.Ich war auf Yes gestoßen. Von vielen belächelt und gehasst, von mir insofern vergöttert, weil ich nichts von dieser Band kannte außer ihrer Musik. Die einschlägigen Magazine gaben nicht viel über die frühen Jahre dieser Band her, wenn, dann berichteten sie über 90215, die damals aktuelle Platte von Yes, die aber eine wesentlich andere Richtung einschlug als die Werke aus den Anfängen der 70er Jahre.Die Band und die Musik bot genau die Menge Virtuosität, Schrägheit und Exklusivität, um mich angenehm von meinen NDW- und Madonna-hörenden, BRAVO-lesenden Klassenkameraden abzuheben. Ausserdem wollte ich fortan auch Musik machen (darüber schreibe ich später mal).Was hat das jetzt alles mit audiophil zu tun?Beim Umzug ins neue Haus stolperten mein Bruder und ich über einen Karton mit Tapes (Man kann sich ungefähr ausmachen, welche Gefühlsregungen das bei uns beiden hervorrief: EL DORADO!). Darin unter anderem ein Band mit Camel (die schon damals Songs über Begebenheiten im Herrn der Ringe machten) und eben Yes. Wir standen da also im frisch renovierten Zimmer vom Pip und hörten uns auf einem qualitativ fragwürdigen Renovier-Cassettenradio Tormato an und ich sagte: “Puh, die Alben hätte ich gerne auf CD”.Drei Wochen später war Weihnachten.Was hatte ich also am Weihnachtsmorgen dank meines Bruders in den Händen? Eine komplett neu abgemischte Version von Fragile. Diese Variante ist (nach der oben beschriebenen Vergangenheit) nun im Moment mit Abstand das Beste für mich, was in der Musik gerade geht. Irgendein Heini hat – um der alten Zeiten und künstlich gesteigerten Absätze willen – ein paar begnadete Tontechniker auf die alten Spuren losgelassen und ein wirklich grandioses Hörerlebnis geschaffen. Das weiss ich jetzt schon, mir fehlen nur noch die Boxen dazu.

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17 Antworten auf Fragile

  1. Dave sagt:

    Ganz großes Kino! Und wenn es soweit ist würde ich auch gerne mal im Soundpalast einen Dolby Surround Kaffee trinken.yesss

  2. Hasematzel sagt:

    Is gebongt. Ich sach’ Bescheid.

  3. Boris sagt:

    Ahhh… Musiihik!Genesis (mit Gabriel), Yes, Camel… nicht aber, ohne noch Pink Floyd, Gentle Giant, ELP und King Crimson erwähnt zu haben. Und noch ein paar…Gab’s danach eigentlich noch andere Musik? (Gut, außer Zappa natürlich davor UND danach und noch ein paar wenigen anderen)

  4. Hasematzel sagt:

    Nein, soweit ich weiss existierte Musik weder davor noch danach :) Es gab noch einige tonproduzierende Gruppierungen, aber deren Namen sind mir entfallen.

  5. Kluth sagt:

    Ich helf euch auf die sprünge:Davor gabs Elvis, danach auch.

  6. Boris sagt:

    Elvis hat aber inwischen das Gebäude verlassen. Habe ich gehört. Manche sagen aber, dass sie ihn wieder gesehen haben…

  7. Kluth sagt:

    ja, ich zum beispiel.

  8. theDon sagt:

    ich auch.Aber unser Tape “El Dorado” hatte mit einem Schlag meine “Was-besorg-ich-meinem-doofe-Bruder-nur-zu-Weihnachten”-Sorgen mit einem Schlag gelöst…

  9. Oliver sagt:

    Du, Don? Wenn Du Elvis gesehen hast, dann verstehe ich jetzt einiges. Johnny Cash ist nicht Elvis! Das mag vielleicht jetzt für Dich hart sein, aber da musst Du durch.

  10. Dave sagt:

    Aber Johnny Cash hatte auch ne schöne Nase!

  11. theDon sagt:

    Ich lass dich gleich Köln sehen, mein lieber Froind.Aber mal so richtig!Ich hab schliesslich 5 Jahre mit dem Herrn Elvis persönlich Musik gemacht! Der konnte nämlich auch Schlagzeug spielen!

  12. Dave sagt:

    Und was ist mit Peter Kraus? Über den redet hier keiner…

  13. theDon sagt:

    Du hast den Schuss auch noch nicht gehört, Dave…

  14. Leo sagt:

    …glaub mal, mit der richtigen Kombination aus Vor/Endstufe und feine Kistchen kommen Welten auf ;)..und da werden Dir noch ganz andere Songs gefallen, was sich zuvor bei Dir in maßen gehalten haben ;)Grüsse Leo

  15. AxT sagt:

    Witzig – auf die gleiche Art und Weise hab ich auch Yes kennengelernt. Allerdings gings nicht um FRAGILE, sondern um YESSONGS. Wenn die audiophile anlage steht: viel Spaß mit THE LADDER oder MAGNIFICATION – die sind hammermäßig aufgenommen. In Sachen FRAGILE: Hände weg von der DVD-Audio – die ist ganz übel abgemischt! Es gibt von Warner eine Ausgabe als Gold-CD. Findest du am einfachsten über http://www.towerrecords.com glaub ich – auf jeden Fall großes Kino! In der Version gibt´s auch FACE VALUE von PC. Viel Spaß beim Entdecken!

  16. sardegna sagt:

    Lo trovo piuttosto impressionante. Lavoro grande fatto..)

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